| Die „großen Ferien“ im Jahr 1965Ingo Schuster (3/2005)Die Vorfreude auf die Ferien, drängte die sonst erzwungene Disziplin an unserer Schule in den Hintergrund. Lehrer wetzten mit weniger Erfolg Ihre spröden Bambusstöckchen und mussten ihre ganze sonstige Autorität unter Beweis stellen, um uns noch bis zu den Zeugnissen einigermaßen „bei der Stange zu halten“.
Die „großen Ferien“ standen wie wehende Fahnen am Horizont und wir scharrten in den Startlöchern, wie hungrige Wölfe kurz vor dem Beutezug.Hatte ich die mahnenden Worte meiner Mutter zu den Zeugnisnoten erst einmal hinter mich gebracht und reumütig Besserung versprochen, konnte ich die ersten konkreten Pläne für die bevorstehenden Ferienwochen machen, die mir jetzt noch unendlich lange vorkamen. Ich zählte die Tage, um die Bedeutung von Freiheit zu unterstreichen.
Schnell wurde unsere Jungenbande zusammengetrommelt und ein geheimer Platz abgesprochen, an dem wir uns morgen in aller Frühe treffen sollten. Und das alles ohne Telefon. Da wurden Pfiffe codiert und Tierstimmen imitiert, um einen Freund, der vielleicht noch einen Hausarrest abzusitzen hatte, wichtige Informationen am Fenster heimlich zukommen zu lassen.Der Zauber unserer Zusammenkünfte ist für mich nur noch als Wissen präsent, nicht mehr wirklich zu empfinden. Kein Geruch mehr des Heu`s im Schuppen, nicht mehr der beißende Geruch des Süßholzes als Zigarettenersatz. Nur noch die Erinnerung an die Messer, die Schnüre, den alten Schleifstein, den rostigen Angelhaken und die stumpfen Werkzeuge, die jetzt feierlich vor uns aufgebahrt lagen, wie bei einer Messe die Hostien. Seinen kleinen Schatz, den jeder stolz zeigte, war die unentbehrliche Basis unserer zukünftigen Abenteuer.
Der Bau eines Basislagers im Unterholz an einem sich weich dahinschlängelnden Flusses, war Pflichtaufgabe und der Ausgangspunkt geplanter Unternehmungen wie die Hasen und Rebhuhnjagd und für notwendige Attacken gegen andere feindliche Stämme, da es bei einem möglichen Rückzug Schutz bieten konnte.
Wir begannen mit der Rodung einer Fläche in dem 6Jungs genügend Platz finden sollten, mit noch etwas Raum für einen möglichen Gefangenen, käme er unerlaubt in die Nähe unseres Geheimplatzes. Ihn würde man dann zum Schweigen verpflichten, was den Geheimort betraf, mit der Androhung massivster Konsequenzen wie den Verzehr von Kaulquappen , das Zufügen kleiner Brandmale oder das stundenlange Fesseln an einem extra dafür vorgesehenen Marterpfahl.
Der Geruch der frischgeschnittenen Zweige, die zähen, grünen hartnäckigen Äste erinnern mich an eine sorglose Zeit in der nur der Augenblick der Phantasie zählte. Die Vorstellungskraft ist grenzenlos und so fühlten wir uns als Helden, Räuber, Diebe und Jäger mit übergroßen Kräften und einem Mut, der alle Sorgen um Schule oder Elternhaus ertränkte. Ertränkte in einem Meer von Leidenschaft, Waghalsigkeit und einer unumstößlichen Freundschaft: „einer für alle, alle für einen“. Eine Losung, die an Ernsthaftigkeit nicht zu überbieten war.
Wir konnten uns am Abend vom Lagerbau schlecht verabschieden und den Heimweg antreten, denn es gab noch so viel zu tun. Aber immer deutlicher wurde die Phantasie von der Realität durchkreuzt. Eine Realität personifiziert von den Müttern, die auf ihre Söhne ungeduldig warteten, um uns mit einer Litanei von Vorwürfen zu begrüßen: „warum kommst du erst jetzt“, wie schaust du denn überhaupt aus“, „das da, ist doch ein Loch in deiner Hose“ und „was hast du wieder angestellt“.
Da wurde der vormalige Held zu einem „Häufchen Elend“ degradiert und musste innerlich in seiner Heldenseele Rache schwören, wenn nicht an der Mutter zu vollziehen, dann sollten doch wenigstens am nächsten Tag Opfer gefunden werden: ein lahmer Vogel, eine zu langsame Kröte oder ein Schmetterling, schön aufgespießt an einem Baum gleich am Lagereingang als Zeichen unserer Gnadenlosigkeit und unserer Rachegelüste. Ich weiß nicht mehr wie viel Pfauenaugen dieses Schicksal – mein Schicksal- erleiden mussten. Aber es war insgesamt gerecht, davon bin ich heute noch überzeugt.
Wen wundert es, dass die nächtlichen Träume durchsetzt waren von skurrilen Ereignissen und scheinbar zusammenhanglosen Bildern. Es mussten noch einmal Gefahren überstanden und Verfolgungsjagden durchlebt werden, bis ich folglich schweißgebadet aufwachte. Der Blick aus dem Fenster versprach einen schönen Tag, denn die Sonne kündigte sich schon –in Ihrer Fülle noch unsichtbar- am Morgenrot an, das sich mit seinen Farbschattierungen schon verschwenderisch am Horizont zeigte.
Mir ging nicht mehr aus dem Kopf, dass ich den Auftrag übernommen hatte, für heute Streichhölzer und ein paar Kartoffeln für ein Mittagessen im Lager zu organisieren. Ich musste mit der Organisation sehr früh beginnen, um meine Mutter nicht zu wecken. Beim Öffnen der Küchenschrankschublade konnte ich neben all dem Krimsgrams beim besten Willen nicht mehr als eine Zündholzschachtel entdecken. Eine Zündholzschachtel, das war so gut wie keine. Sie konnte ich nicht nehmen. Ich stellte mir vor, welche Konsequenzen es gehabt hätte und schob die Schublade mit leisem Quitschen wieder zu. Im Abfalleimer eine lehre Schachtel, schoss es mir durch den Kopf, jetzt hatte ich wieder Hoffnung: eine leere Schachtel und zwei bis drei Streichhölzer aus der neuen, das würde sie nicht merken. Ja ich fand die leere Schachtel und die drei Strechhölzer. Sie nahm ich so leise und vorsichtig aus der Schachtel, als wäre es Dynamit. So habe ich es jedenfalls in Erinnerung. Erinnerungen verblassen, werden zu Wünschträumen oder machen manchmal ein Leid größer als es war.
Ich hielt den Atem an, als könnte man ihn durch Türen hören und schlich in den Keller wegen der Kartoffeln. Ich sah mehr Triebe als Kartoffeln. Wie weiße Würmer empfand ich sie damals, heute ging es mir nicht anders. Ich las schnell ein paar weniger schrumbelige heraus, für jeden zwei, das musste genügen. Die Kartoffeln mit den Würmern deponierte ich schon außerhalb des Hauses, um keine Gefahr einzugehen ertappt zu werden. Die Streichhölzer waren sicher in meiner Hosentasche. Jetzt schnell wieder zurück.
Meine Mutter war mittlerweile wach geworden und stellte schon die ersten kritischen Fragen wegen meiner Abwesenheit, die ich beflissen mit Ablenkungsmanövern zerstreute. In ihrer Unsicherheit rang sie mir noch ein paar Hausarbeiten ab, bevor sie mich mit skeptischer Miene und ungern in meine Abenteuerwelt entließ. Wie eine Mutter, die ihren Sohn am Hafen verabschiedet, weil er zur See fährt und seine Heimkehr in den Sternen stand. Das würde mir taugen, ich als verlorener Sohn. Erst den Mann verloren, dann einen Sohn, so würde ein Mutterherz zerbrechen. Diese Phantasie gab mir mehr Dramatik, als eine freundliche Verabschiedung. Ja diese Vorstellung passte in mein Leid, erst den Vater verloren, dann verliere ich mich in den Weiten der Ozeane und das leise Wehklagen meiner Mutter begleitet meine Fahrt, ja ihr Klagen unterstützt den Wind, der mich immer weiter in die Ferne treibt.
Ein Pfiff meines Freundes lässt mich zusammenfahren, so als hätte mich mein Lehrer aus dem Halbschlaf mit einer Frage gerissen. Mein Gott es waren Ferien. Bald waren wir auf dem Weg. Er war vorgezeichnet durch den Main, der sich unermüdlich und vertraut vor uns herschlängelte. Er bestimmte einen großen Teil unseres Lebens. In ihm wurden wir als kleine Jungs gebadet, um zuhause die Wasserrechnung niedrig zu halten. In ihm machten wir unsere ersten Schwimmversuche, in ihm bestanden wir Mutproben beim Anschwimmen und Besteigen von Frachtschiffen und ihm verdanken wir Fische die wir unerlaubt, angelten. Auch heute sollten ein paar unserer Meefischli anbeißen, um ein Mittagessen zu sichern. Auf unserem Weg zum Lager erzählte uns Bernd, dass er am gestrigen Abend, an dem wir etwas zu spät nach Hause kamen, nicht so klimpflig davon gekommen war. Sein Vater war bekannt als jähzorniger und selbstsüchtiger Mann. Wenn ich Bernd abholen musste, nahm ich immer etwas Abstand zur Haustüre. Ich läutete und sprang dann einen kleinen Satz zurück, um möglichst schnell die Kurve zu kratzen, falls sein Vater öffnete und schlecht gelaunt war. Ihn konnte man nie einschätzen, vor ihm hatte ich immer Angst. Von diesen Vätern gab es nicht zu wenige in unserer Nachbarschaft. Für mich zum Trost, als vaterloser Junge, dachte ich manchmal erleichtert, dass mir diese Schläge und Erniedrigungen erspart geblieben sind. Wenn ich heute ehrlich bin, habe ich sie immer beneidet, meine Freunde um ihre Väter. Wie gerne hätte ich ein paar Schläge eingesteckt, um einen zu haben, einen Vater, der sich wie ein Fels aufbaute, um mich vielleicht auch mal zu beschützen. Erst viel später, selbst Vater, erfuhr ich von meiner Mutter, dass mein Vater sehr liebevoll mit uns umgegangen ist. Mir fiel ein großer Stein vom Herzen. All die Jahre vorher, hatte ich mich nicht zu fragen, nach seinem Charakter getraut, um eine wage Hoffnung zu bewahren. Als er starb, war ich erst zwei Jahre alt.
Das Lager wurde erreicht. Alles war noch so, wie wir es verlassen hatten. Wir hatten grob gerodet, jetzt kamen die Feinheiten. Jeder von uns guckte sich schon ein Lieblingsplätzen aus, das er besonders bearbeitete. Der Boden wurde festgestampft, Blätter und kleinste Zweige sollten einen Fußboden ersetzen. Sitzgelegenheiten sollten aus Kisten oder ähnlichem entstehen. Zum Organisieren zogen wir los zu einem nahe gelegenen Schuttplatz. Er wurde besonders von den Amis benutzt, was für uns nur gut sein konnte. Dort fand man auch mal die ein oder andere noch haltbare Essenkonserve. Wir rätselten damals um die englische Aufschrift. Manchmal fanden wie Zigaretten oder Kaugummis, das gab immer wieder mal Anlass für einen Streit in der Gruppe wegen dem Teilen oder dem Geiz eines Einzelnen. Hatten wir nichts Besonderes, gab es auch keinen Streit. Ich weiß nicht, ob ich damals die Bedeutung und die Tragweite dieses Phänomens verstanden habe, wahrscheinlich nicht.
Unsere Ausbeute waren zwei Matratzen, ein kleinen Metallhocker, bei dem ein Bein ziemlich Schieflage hatte und verschiedenes an Holzkram, der als Sitzmöbel oder als Regal dienen konnte. Auf dem Rückweg ins Lager mussten wir aufpassen nicht gesehen zu werden, vor allem nicht von älteren Jungs. das wäre ein gefundenes Fressen, ein paar jüngere Scheißer aufzumischen. Vor Zigeunern hatten wir immer besonders Angst, obwohl, im nach hineingesehen, wir Tresche eher von Einheimischen bekamen. Sicher lag es an ihrer Fremdartigkeit, vielleicht beneideten wir auch ihre Freiheit symbolisiert durch Wohnwägen, die jederzeit gestartet werden konnten. In der Schule sah man wenig Zigeuner, welch ein Privileg: kein Zwang zum Schulbesuch.
Fortsetzung möglich...
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